CAKE | 27 — Stream of consciousness
Da ist es also. Das Gefühl der Vertrautheit. So ungewohnt. Ich dachte, ich hätte dieser Stadt abgeschworen. Sie hinter mir gelassen. Immer nur vorwärts. Zurück kann man immer, aber wer will das schon? Und jetzt habe ich mich schon wieder rein geschlichen. Ich vermute, weil sie der einzige Ort ist, an dem ich mal gelebt habe und dem ich nicht entwachsen bin.
Vielleicht will ich auch vermeiden, dass sie mir so fremd wird wie all die anderen Orte auf dieser Welt, an denen ich gelebte habe. Nicht dass es so viele waren. Städte, die ich heute nicht mehr wieder erkenne, die mir heute nicht mehr passen. Wie diese eine schöne Hose, die ich nicht wegwerfen will, in die ich aber seit Jahren nicht mehr reinkomme. Sie spannt schrecklich an den Hüften, die Seitentaschen wie zwei aufgerissene Münder. Sie erfüllt keinen Zweck mehr, nimmt im Schrank nur Platz weg, den ich nicht mehr habe, und ich lege sie doch jedes Mal wieder gefaltet ins Regal zurück. Als würde ich eines Tages wieder 27 oder 34 werden und könnte wieder rein schlüpfen.
Die letzten vier Jahre sind so schnell vergangen, ich fange jetzt schon an über den nächsten runden Geburtstag nachzudenken. Meine Freundin hat selten so laut gelacht. Es ist doch noch so lange hin. Was wenn nicht? Was wenn sich die nächsten Jahre genauso schrecklich und schnell anfühlen? Ich möchte vorbereitet sein. Meine berühmten letzten Worte.
Wie fühlt sich das an, wenn man irgendwo hingehört? Wenn man immer wo rein passt? Ich habe wirklich keine Vorstellung davon. Ich bin in der Mitte des Lebens und habe keine Ahnung, wo ich mich zu Hause fühle. Ich war nur immer Gast. Dieses Gefühl hat sich festgesetzt. Das kriege ich auch aus meinem Kopf nicht mehr raus. Da hilft auch sicher nicht der polnische Pass, den ich bald wiederbekomme. Doppelt fremd bleibt fremd.
Am Ende sind es weniger die Orte als Menschen, mit denen man sich verbunden fühlt. Was für ein Blödsinn. Diesen Satz kann ich nicht mehr hören. Das sagen vor allem diejenigen, die ihr Zuhause nie vermisst haben. Oder gar verloren. Menschen, die an Feiertagen in ihren alten Kinderzimmern übernachten, nachdem sie mit ihrer Familie bis spät abends Brettspiele gespielt oder über einen Film diskutiert haben, in dem sie vor kurzem waren. Die durchs Leben gehen, als würde all das nur ihnen gehören, for their personal entertainment only, auch das riesige Wasserloch mitten in dieser verdammten Stadt. Seine Wellen haben mich über so manchen Tiefpunkt in meinem Leben getragen, mir die Haare zerzaust und Tränen in die Augen getrieben. Auch heute wieder. Aber Wasser hat es mir schon immer angetan. Es ist kalt und tief und still und rau und unberechenbar und schön. Und in seiner Passivität so mächtig. Es fließt vor sich hin.